KI & Technologie

Es gibt keinen Fachkräftemangel. Es gibt nur einen Digitalstau.

Viele Kanzleien suchen zusätzliche Mitarbeiter, bevor sie wissen, wie viele Stunden ihre eigenen Prozesse verschwenden. Warum vor die nächste Stellenanzeige ein Legal-Tech-Audit gehört.

Abstrakte Prozessgrafik: Dokumente und Datenwege stauen sich vor einem Engpass und fließen danach geordnet weiter.

In vielen Kanzleien fehlen Menschen. Das ist sichtbar. Weniger sichtbar ist die Arbeit, die diese Menschen gar nicht mehr erledigen müssten. Deshalb gehört vor jede neue Stellenausschreibung eine andere Frage: Wie viele Stunden verlieren wir an schlechte Prozesse?

Es gibt keinen Fachkräftemangel. Es gibt nur einen Digitalstau.

Der Satz ist übertrieben. Natürlich gibt es Regionen, Rechtsgebiete und Funktionen, in denen qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber fehlen. Bei den Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten sank die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge 2025 erneut auf 2.885. Die Bundesrechtsanwaltskammer spricht trotz verlangsamten Rückgangs weiterhin von einem Abwärtstrend.

Die Übertreibung ist trotzdem nützlich. Denn „Fachkräftemangel“ klingt wie ein Problem außerhalb der Kanzlei: zu wenige Absolventen, falsche Erwartungen, demografischer Wandel. Der Begriff lenkt den Blick auf den Arbeitsmarkt. Der Digitalstau sitzt dagegen im eigenen Haus. Dort kann man etwas tun.

Vielleicht fehlen keine Köpfe, sondern freie Stunden

Eine Kanzlei kann gleichzeitig überlastet und personell ausreichend besetzt sein. Das klingt widersprüchlich, ist aber in anderen Branchen längst bekannt. Kapazität entsteht aus der Zahl der Menschen und daraus, wie ihre Zeit verwendet wird.

Wer Mandantendaten mehrfach überträgt, Anlagen aus E-Mails sortiert, Fristen zwischen Systemen abgleicht, Standardpassagen zusammensucht oder für jede Rechnung dieselben Angaben kontrolliert, arbeitet. Nur wächst dadurch die juristische Leistung kaum. Gleiches gilt für Berufsträger, die lange Dokumente manuell strukturieren, eine bekannte Rechtsfrage zum wiederholten Mal von vorn recherchieren oder interne Erfahrung nicht finden, obwohl sie irgendwo in der Kanzlei vorhanden ist.

Dieser Aufwand erscheint in keiner offenen Stelle. Er taucht als Überlastung, Rückstand, Überstunden und schlechte Erreichbarkeit auf. Die naheliegende Reaktion lautet: Wir brauchen noch jemanden. Vielleicht stimmt das. Vorher sollte die Kanzlei wissen, wie viel Arbeit aus ihrem System stammt und wie viel aus dem Mandat.

Eine unbesetzte Stelle ist sichtbar. Tausend schlecht verwendete Arbeitsstunden sind es nicht.

Der Rechtsmarkt beschreibt seine eigene Abwärtsspirale

Der Legal Tech Monitor 2025 beschreibt den Zusammenhang ungewöhnlich deutlich. Ein niedriger Digitalisierungsgrad und traditionelle Arbeitsstrukturen erhöhen die Belastung und machen insbesondere kleinere Kanzleien, Rechtsabteilungen und die Justiz für interdisziplinär ausgebildete Fachkräfte weniger attraktiv. Weniger Bewerbungen verschärfen die Belastung weiter.

Umgekehrt berichtet die Studie, dass Gruppen mit hoher Technologieaffinität und einem optimistischen Blick auf Legal Tech weniger Nachwuchssorgen haben. Das beweist keine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung. Innovative Arbeitgeber bieten häufig zugleich flexiblere Karrierewege, bessere Arbeitsbedingungen und modernere Führung. Es zeigt aber, warum Personalstrategie und Digitalstrategie in Kanzleien nicht länger getrennt behandelt werden sollten.

240 Stunden sind noch keine neue Stelle. Aber fast sechs Wochen

Der Future of Professionals Report 2025 von Thomson Reuters schätzt, dass KI Rechtsprofis bei der erwarteten Nutzung knapp 240 Stunden pro Jahr freispielen könnte. Das entspricht ungefähr sechs Arbeitswochen. Es handelt sich um eine Prognose aus einer internationalen Befragung, nicht um einen garantierten Produktivitätswert für deutsche Kanzleien.

Als Rechenprobe ist die Zahl dennoch interessant. Bei 20 Berufsträgern wären 240 Stunden pro Person insgesamt 4.800 Stunden im Jahr. Je nach angesetzter Nettoarbeitszeit entspricht das ungefähr der Kapazität von drei Vollzeitstellen. Nicht jede dieser Stunden lässt sich realisieren. Manche Einsparung wird durch Kontrolle, Einführung und neue Anforderungen wieder aufgezehrt. Aber schon ein Bruchteil verändert die Personaldebatte.

Die relevante Frage lautet deshalb nicht: „Wie viele Stellen kann KI ersetzen?“ Sie lautet: „Welche knappe Fachzeit verwenden wir heute für Arbeit, die ein besserer Prozess vermeiden oder vorbereiten könnte?“ Das ist ein wesentlicher Unterschied. Die Menschen bleiben. Ihre Zeit wandert dorthin, wo Urteilskraft, Verhandlung, Empathie und Verantwortung gebraucht werden.

Digitalisierung heißt nicht, denselben Umweg am Bildschirm zu gehen

Viele Kanzleien haben Software und trotzdem einen Digitalstau. Eine Papierakte als PDF ist noch kein digitaler Prozess. Ein Mandatsformular, dessen Inhalt anschließend manuell in die Kanzleisoftware übertragen wird, spart wenig. Ein KI-Assistent auf einem unstrukturierten Dokumentenbestand produziert schneller Antworten, aber nicht zwingend bessere.

Das österreichische Legal Tech Barometer 2025 zeigt diese Umsetzungslücke. 45 Prozent der Befragten empfanden die Einführung neuer Werkzeuge als aufwendiger als erwartet. Nur 16 Prozent erklärten, die Ziele ihrer KI-Lösungen vollständig erreicht zu haben. Der Engpass liegt damit oft zwischen Lizenz und Arbeitsablauf.

Wer den Digitalstau auflösen will, sollte nicht mit einer Produktdemo beginnen. Zuerst muss der tatsächliche Weg eines Mandats sichtbar werden: vom Erstkontakt über Prüfung, Bearbeitung und Kommunikation bis zu Abrechnung und Archivierung. An jeder Übergabe entstehen Wartezeit, Doppelerfassung, Suchaufwand und Fehlerpotenzial. Erst danach lässt sich entscheiden, ob eine Funktion der bestehenden Software, eine Automatisierung oder ein KI-Werkzeug hilft.

Was ein Legal-Tech-Audit vor der nächsten Einstellung klären sollte

Ein Legal-Tech-Audit untersucht keine abstrakte „Digitalreife“. Es sucht verlorene Kapazität. Dafür reichen zu Beginn wenige, unangenehm konkrete Fragen:

  • Welche Tätigkeiten wiederholen sich jede Woche in ähnlicher Form?
  • Wo werden Informationen abgeschrieben, kopiert oder zwischen Programmen übertragen?
  • Wie lange suchen Beschäftigte nach Akteninhalten, Mustern und früheren Arbeitsergebnissen?
  • Welche Arbeit bleibt liegen, weil eine bestimmte Person zum Nadelöhr geworden ist?
  • Welche Schritte verlangen juristisches Urteil und welche lediglich Sortierung, Vergleich oder Vorbereitung?

Aus den Antworten entsteht kein Wunschzettel für neue Software, sondern ein Kapazitätsbild. Tätigkeiten können entfallen, vereinheitlicht, automatisiert oder durch KI vorbereitet werden. Andere müssen bewusst beim Menschen bleiben. Zu jeder Veränderung gehören Kontrolle, Datenschutz, Verantwortlichkeit und eine realistische Einführungszeit.

Der Audit ist auch deshalb wichtig, weil eine zusätzliche Stelle schlechte Abläufe zunächst kaschiert. Das neue Teammitglied übernimmt die Rückstände, baut eigene Hilfslisten und wird bald Teil desselben Systems. Die Kanzlei hat ihre Personalkosten erhöht, aber ihre Kapazitätslogik nicht verändert.

Die frei gewordene Zeit braucht einen Zweck

Effizienz ist kein Selbstzweck. Wenn eine Kanzlei jede eingesparte Stunde sofort mit zusätzlichem Volumen füllt, wird aus Digitalisierung Arbeitsverdichtung. Das ist wirtschaftlich kurzfristig verlockend und organisatorisch gefährlich. Die gewonnene Zeit kann Rückstände abbauen, Erreichbarkeit verbessern, Ausbildung ermöglichen oder neue Mandate aufnehmen. Welche Verwendung sinnvoll ist, muss die Kanzlei entscheiden.

Auch deshalb sollte die Diskussion nicht als Mensch gegen Maschine geführt werden. Kanzleien brauchen weiterhin gute Juristinnen, Juristen und Fachangestellte. Sie sollten diese knappen Menschen nur nicht für Arbeit einsetzen, die vermeidbar geworden ist.

Erst den Stau vermessen, dann Stellen ausschreiben

Der Fachkräftemangel ist real. Er erklärt aber nicht jede Überlastung. In manchen Kanzleien fehlen Beschäftigte. In anderen fehlen durchgängige Prozesse, zugängliches Wissen, Automatisierung und ein verantwortbarer Einsatz von KI. Häufig fehlt beides.

Die pointierte These bleibt deshalb als Managementfrage stehen: Was wäre, wenn uns weniger Menschen fehlen, als wir glauben, und mehr produktive Stunden, als wir bisher messen? Wer darauf keine belastbare Antwort hat, sollte vor der nächsten Stellenanzeige den Digitalstau prüfen.


Methodischer Hinweis: Die Aussage „Es gibt keinen Fachkräftemangel“ ist eine bewusst zugespitzte These. Die verfügbaren Daten belegen reale Personalengpässe, erlauben aber keine pauschale Berechnung, welcher Anteil durch Digitalisierung ausgeglichen werden kann. Das Rechenbeispiel zu 4.800 Stunden überträgt eine internationale Prognose auf eine fiktive Kanzlei und dient allein der Größenordnung.

Transparenz: Dieser Beitrag wurde mit KI-Unterstützung recherchiert und erstellt. Die verlinkten Kernquellen wurden am 3. August 2026 geprüft.